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Jung, dynamisch und
orientierungslos

Fachkräftemangel in der Industrie – Teil 2: In der letzten Ausgabe habe ich versucht darzulegen, warum die dezentralisierte Bildungspolitik eine der Ursachen für den Fachkräftemangel hierzulande ist. An dieser Stelle nun ein Blick darauf, wie gut Abiturienten auf ihre Traumberufe vorbereitet sind.

Michael Lind schreibt seit 30 Jahren für und über die nationale und internationale Roboter- und Automatisierungsbranche. Er war knapp zwei Jahrzehnte lang Chefredakteur (später auch Herausgeber) einer Zeitschrift zu diesen Themen. (Bild: Michael Link)

Wer seine schulische Laufbahn mit dem Abitur gekrönt hat, weiß in aller Regel, an welcher Hochschule er oder sie welchen Studiengang belegen möchte. Für derartige Klarheit soll nicht zuletzt die Berufs- bzw. Studienorientierung sorgen. Doch genau die steht, wie schon vor vielen Jahren, immer noch in der Kritik. Erst kürzlich wetterte ein Personalberater aus Berlin in einem hörenswerten Radio-Feature, dass diese Orientierungsprogramme nach wie vor ziemlich konzeptlos seien, ihre Inhalte und Ergebnisse intransparent und wenig praxisrelevant. Sogenannte Schülerfirmen, von Unternehmen ausgerichtete Girls/Boys/Carrier Days sowie Betriebspraktika böten zwar gute Ansätze für die Berufsfindung, jedoch würde nicht jedes Gymnasium seinen Pennälern solche Möglichkeiten verschaffen.

Auch stoße die immer wieder geäußerte Forderung, für eine größere Praxisnähe die Berufs- und Studienorientierung externen Experten aus der Industrie und Wirtschaft zu übertragen, bei Gymnasien auf vehemente Ablehnung. Sie fürchten nicht nur um ihre Bildungshoheit, sondern vor allem um den Verlust von steuerfinanzierten Fördergeldern. Deshalb wurschteln sie lieber weiter mit den bekannten Bordmitteln: Zu wenige (und überforderte) Pädagogen lassen Bewerbungsgespräche üben und an veralteten Computern Lebensläufe schreiben. Das Höchste der Gefühle sind kollektive Besuche von Berufsinformationszentren, Ausbildungsmessen und -veranstaltungen, wo man die angehenden Abiturienten mit bunten Erklärmappen, Prospekten, Flyern und Giveaways versorgt. So bekommen Abiturienten keine reale Vorstellung von Studiengängen oder gar Berufsinhalten.

Dazu passt die Aussage eines BWL-Studenten im dritten(!) Semester von der Uni Mannheim im Rahmen einer Umfrage: „Ich weiß noch nicht genau, was ich hier tue.“ Dazu passt ebenfalls, dass in Deutschland quer durch alle Studiengänge – von Agrarwissenschaften bis Zahnmedizin – rein statistisch 70 Prozent der Studenten irgendwann kapitulieren, wegen zu hoher Anforderungen, knappen Geldes, mangelnder Motivation.

Und der Personalberater hat weiter abgeledert: Es hätte eine Umwertung stattgefunden. War in den 1970er- und 1980er-Jahren die Berufswahl überwiegend von Idealismus und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung geprägt, dominierten heute eher hochfliegende Erwartungen hinsichtlich einer steilen Karriere, viel Kohle, gesellschaftlicher Anerkennung, Einfluss oder Macht. Genährt würden solche Ansprüche durch Selbstüberschätzung, soziale Netze, Freunde, Bekannte. Eltern machten Druck, indem sie die eigenen gescheiterten Berufsexistenzen auf ihre Zöglinge projizierten. Medien täten ein Übriges: Wer verletzungsfrei durch eine offene Tür gehen könne, hätte beste Chancen auf ein Casting bei Germanys Next Top Model, was allerdings wenig mit Fach-und Führungskräften zu tun habe.

Wir alle wissen, dass für die Erfüllung der genannten Erwartungen drei Dinge zeitgleich zusammentreffen müssen: Ein Mensch muss etwas Großartiges können. Er muss den Willen haben, das zu beweisen. Und er muss dazu die Gelegenheit bekommen. Eine seltene Konstellation. Studenten, welche die beiden erstgenannten Kriterien hervorragend erfüllen, werden deshalb schon lange vor ihrem Abschluss von Unternehmen, Verbänden oder Organisationen rekrutiert, die ihnen somit die Gelegenheit bieten. Wer nicht zu diesen Auserwählten gehört, so der Personalberater, sei „Füll- beziehungsweise Ergänzungsmasse“. Die verschwänden in Unternehmen, die Erfüllungsgehilfen anstelle wirklicher Fach- und Führungskräfte bräuchten. Seinen Worten nach würden diese Studenten ebenso gut ein sogenanntes Orchideenfach absolvieren, wie etwa Tanzwissenschaften oder Namenkunde, solange der nachfolgende Job hoch dotiert und frei von Verantwortung, das Büro warm und trocken, und die Berufsbezeichnung auf der Visitenkarte beeindruckend ist.

Nicht allen Argumenten kann ich mich in vollem Umfang anschließen. Manche im ersten Anlauf gescheiterte Studenten werden ein zweites oder gar ein drittes Studienfach belegen. Wie erfolgreich, ist ungewiss. Nur – die Frage, ob es überhaupt solcher Umwege bedarf, muss die praxisorientierte Studienorientierung beantworten. Hier sind Bund, Länder und Gymnasien in der Pflicht. (mli)

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