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Kolumne von Michael Lind

Augsburger Puppenkiste

Sie hatte es tatsächlich gesagt, die Bundeskanzlerin. Angela Merkel monierte schon 2016, dass ausländische – konkret: chinesische – Unternehmen sich Hochtechnologie ‚Made in Germany‘ einverleiben. Aber da waren bereits mehrere Kinder in diverse Brunnen gefallen, wenn dieses Bild erlaubt ist. Beim Augsburger Roboter- und Anlagenbauer Kuka könnte es bald richtig knallen.

Bild: Michael Lind

Kuka verliert nicht nur geschäftlich, sondern auch eine Führungskraft nach der anderen: 2017 Alwin Berninger, Sprecher der Geschäftsführung der Kuka Industries, Frank Klingemann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Kuka Systems und sein Chief Finance Officer Andre Hagen, 2018 Dr. Till Reuter, Vorstandsvorsitzender der Kuka AG, Stefan Lampa, CEO der Kuka Industries, Dr. Bernd Liepert, Chief Innovation Officer der Kuka AG. In diesem Jahr gehen (oder sind schon weg) die Personalchefin Silvia Buchinger, der Entwicklungschef für MRK, Christian Tarragona, Stefan Müller, Leiter der Bereiche Strategie und Unternehmensentwicklung.

Diese Fluktuation dem Kuka-Mutterkonzern Midea anzulasten, ist zu kurz gesprungen. Der chinesische Haushaltsgeräte-Hersteller hat bislang alle im Zuge der Übernahme gemachten Zusagen eingehalten. Zu mutmaßen, wie es damit nach 2023 aussieht, ist müßig. Dass sich die Chinesen aus unternehmerischen Entscheidungen weitestgehend heraushalten – vorausgesetzt die Rendite stimmt – kann man jedoch unterschiedlich interpretieren: Entweder haben sie grenzenloses Vertrauen in das Kuka-Management oder ihr Verständnis von Hightech, Produktionsautomatisierung, von den Marktmechanismen in der Robotik und ähnlichem ist relativ überschaubar. Dafür spricht, dass Dr. Andy Gu, Paul Fang, und Francoise Liu, die auf unterschiedlichen Positionen Midea im Kuka-Aufsichtsrat repräsentieren, im Tagesgeschäft nahezu unsichtbar sind. Strategische Expertise? Fehlanzeige. Und so stellt sich eher die Frage, ob den Midea-Verantwortlichen eigentlich bewusst war, was sie sich mit Kuka „aufhalsen“? Ihr Engagement wäre überhaupt nicht nötig gewesen, sagt ein Kuka-Insider. Der Technologiekonzern Voith, der damals 25,1 Prozent der Aktien hielt, und die zur Friedhelm-Loh-Gruppe gehörende Swoctem mit zehn Prozent hätten – zusammen mit weiteren Aktionären – für eine stabile Struktur gestanden.

An was sich heute kaum noch jemand erinnert: Aufgeschreckt von der Erkenntnis, dass chinesische Unternehmen Knowhow in Schlüsseltechnologien längst nicht mehr stehlen sondern kaufen, sind in seltener Eintracht die Bundeskanzlerin, ihr politischer Widersacher aus der SPD, der damalige Bundeswirtschaftsminister Siegmar Gabriel, und Vertreter der IG Metall bei einigen namhaften Konzernen Klinken putzen gegangen. Die sollten Kuka-Aktien in Höhe der Sperrminorität kaufen um so zu verhindern, dass Midea zum beherrschenden Großaktionär wird. Doch bei Siemens winkte Joe Käser ebenso ab wie Dietmar Zetsche bei Daimler. Selbst Kuka-Konkurrent ABB hatte kein Interesse. Die Möglichkeit, dass der Staat beispringt, wäre ebenfalls gegeben gewesen, indem die KfW-Bank Kuka-Aktien kauft und sie an Unternehmen weiterreicht. Das jedoch unterblieb. Als Midea letztlich 115 Euro pro Kuka-Aktie geboten hatte (gut 30 Euro über Kurswert), war’s auf breitester Front vorbei mit der vornehmen Zurückhaltung der Aktionäre. Voith beispielsweise hat für sein knapp 18-monatiges Aktionärs-Engagement richtig abgesahnt: 1,2 Milliarden Euro. Einsatz mehr als verdoppelt!

Etwa 4,6 Milliarden Euro hat Midea für die Kuka-Übernahme hingeblättert, um breit gefächertes Knowhow einzukaufen, das man in absehbarer Zeit nie selbst hätte erwerben können, und um durch die Joint Ventures mit Kuka das heimische Shunde zur Hightech-Region zu machen. Damit verbunden war und ist immer noch das Bestreben von Midea, in China zum Robotikanbieter Nummer eins zu werden und damit einen wichtigen Beitrag zum staatlich verordneten Automatisierungsprogramm zu leisten. Seine Investition kann sich Midea von der chinesischen Regierung mehr oder weniger zurückholen. Das Unternehmen muss allerdings nachweisen, dass sein Engagement in jeder Hinsicht erfolgreich ist. Das dürfte etwas schwer werden. Der Aktienkurs von Kuka ist im Sinkflug. Wobei – einige Probleme, mit denen das Augsburger Unternehmen zu kämpfen hat, sind hausgemacht.

So scheint es, als würde sich die Kuka nur um sich selbst drehen – beginnend 2015 mit der Schaffung der „Kuka Industries GmbH“. In ihr wurden Reis Robotics und die Sparte Technology Solutions zusammengefasst, die bis dato zu Kuka Systems gehört hatte. Letztere sollte sich – wie bislang auch – auf Großprojekte für die Automobil- sowie die Luft- und Raumfahrt konzentrieren, Kuka Industries auf Automatisierungslösungen für alle anderen Branchen, die Reis seit Mitte der 1980er Jahre beliefert hatte. Das wäre auch gut gegangen. Überschneidungen bei den Kundenkreisen gab es so gut wie keine. Doch das Management der Kuka Systems wollte an die Fleischtöpfe der neuen Schwester Kuka Industries. Auch lief es bei Kuka Systems geschäftlich nicht gut. 2017 feuert Kuka-Vorstandschef Till Reuter den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Kuka Systems, Frank Klingemann, und dessen Chief Finance Officer Andre Hagen gleich mit. Doch der hatte sich beruflich ohnehin schon anderweitig orientiert. Apropos Till Reuter. Ihn persönlich schätze ich sehr. Er ist in den zehn Jahren seines Wirkens bei Kuka vom Finanzmanager zum Vollblut-Kukaner geworden. Doch leider hat er nicht das Robotik-Gen, das muss man haben muss, um einen Konzern wie Kuka nachhaltig am Laufen zu halten. Stattdessen wollte Reuter den Augsburger Konzern zur globalen Nummer eins in Sachen Industrie 4.0 machen. Und er hat leider Führungspositionen mit Menschen besetzt, die mit Robotik absolut nichts am Hut hatten.

Völlig babylonisch wurde es Anfang vergangenen Jahres, als Reuter einen Konzernumbau verkündete: Kuka One. Diese neue Struktur hatte sich Dr. Stefan Müller in seiner Funktion als Leiter der Bereiche Strategie und Unternehmensentwicklung ausgedacht. Da wurden nicht nur die bisherigen Kuka-Gesellschaften Roboter, Systems, Industries und Swisslog unter dem Dach der Kuka Deutschland GmbH zusammengelegt, sondern auch nach Domänen neu gegliedert: Automotive, Consumer Goods & Logistics, Healthcare und Industries. Angeblich wollte man so näher an die Kunden. Das Ergebnis war jedoch ein großer, unbeweglicher Moloch. Dies voraussehend, ist Alwin Berninger gegangen, der seit 1998 in vielen Führungspositionen tätig war und u.a. das China-Geschäft aufgebaut und geleitet hatte. Müller ist auch weg und muss das von ihm Angerichtete nicht mehr verantworten. Reuter-Nachfolger Peter Mohnen verkündete jüngst, dass man Kuka One wieder rückgängig machen wolle.

Stefan Lampa, den Till Reuter Anfang 2015 von ABB als CEO der Kuka Roboter GmbH geholt hatte, sollte man noch am ehesten zutrauen, dass er das Robotik-Gen in sich trägt. Er erwies sich auch als guter Vertriebsprofi. Doch unter seiner Ägide hat man hat bei Kuka Roboter auch keine strategische Weiterentwicklung gesehen. Ganz hart dürfte den Augsburger Konzern der Weggang von Dr. Bernd Liepert treffen. Er ist ein Robotiker par excellence, was ihm in der Branche den Namen „Mister Robotics“ eingebracht hat. Liepert war in fast 30 Jahren als Kukaner Entwicklungsingenieur, Entwicklungsleiter bei Kuka Roboter sowie neun Jahre deren CEO, Chief Technology Officer des Konzerns und zuletzt Chief Innovation Officer – und Liepert hat als „Außenminister“ die Kuka in vielen internationalen Automatisierungs- und Roboter-Gremien und -Organisationen repräsentiert. Ein herber Verlust. Wer wird Bernd Liepert nachfolgen? Ich weiß es nicht. Kuka-Insider persiflieren jedoch bereits, dass „Buchhalter“ Peter Mohnen, der neue Vorstandsvorsitzende, nicht nur Zahlen, sondern auch Innovation kann.

Kolumne von Michael Lind
Bild: Michael Lind


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