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Kolumne von Michael Lind

Nachrichten von Hiob

Mit nahezu gebetsmühlenartiger Gleichförmigkeit beklagen Industrie-, Arbeitgeber- und sonstige Verbände, Gewerkschaften und Lobbyvereinigungen den Fachkräftemangel in der deutschen Industrie. Bundes- wie Landespolitiker sprechen das Menetekel nach – nicht selten unreflektiert und wider besseres Wissen.

 (Bild: Michael Lind)

Michael Lind schreibt seit fast 30 Jahren für und über die nationale und internationale Roboter- und Automatisierungsbranche. Er war knapp zwei Jahrzehnte lang Chefredakteur (später auch Herausgeber) einer Zeitschrift zu diesen Themen. (Bild: Michael Lind)

Selbst viele Medien zitieren beim Thema Fachkräftemangel lediglich die Inhalte von Studien und Statistiken, die Agenturen, Institute, Unternehmensberatungen, Personaldienstleister, Marktforscher oder Stiftungen gerade mal wieder erstellt haben. Nur wenige forschen nach den Ursachen dieses Mangels, beispielsweise ob die Bildungspolitik generell oder die Inhalte und Ziele von Lehr- und Ausbildungsplänen überhaupt noch zielführend seien, wie man so schön sagt. Doch über welche Fähigkeiten und Qualifikationen muss ein Mensch verfügen, um überhaupt als Fachkraft zu gelten? Und welche Art von Fachkräften fehlt wo?

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Bediener von CNC-gesteuerten Werkzeugmaschinen hochspezialisierte und deshalb in der Metallindustrie gesuchte Fachkräfte. Als solche galten zur Jahrtausendwende sogenannte Computerspezialisten. 20.000, so eine Studie, würden in Deutschland fehlen. Sie wollte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Ausland anwerben. Ein paar Jahre später hatten weitere Studien „Informationstechniker beziehungsweise -technologen“ als jene Fachkräfte spezifiziert, von denen es hierzulande zu wenige gab. Ob es mehrheitlich an Hardware- oder an Software-Entwicklern mangelte oder an Programmierern, an Kommunikationsingenieuren, an IT-Kaufleuten oder woran sonst, wurde leider nicht weiter untersucht. Ebenso unbeantwortet blieb die Frage, in welchen Bereichen diese Fachkräfte fehlten. In der Industriellen IT? In der Kommunikations-IT? Oder gar in der Unterhaltungs-IT?

Im Zuge von Industrie 4.0 macht beim Fachkräftemangel längst eine neue Wortschöpfung die Runde: MINT. Dieses Kürzel benennt die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Und in all diesen sollten also Spezialisten fehlen. 140.000 – diese Zahl hatte 2011 der damals amtierende Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler hinausposaunt. Dabei kam im Jahr davor das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) noch zu ganz anderen Ergebnissen: „Bei den akademischen naturwissenschaftlich-technischen Berufen ist angesichts des Anstiegs der Studentenzahlen in den kommenden Jahren nicht damit zu rechnen, dass der Bedarf nicht gedeckt werden kann“, lautete das Fazit von DIW-Referent Karl Brenke in seiner Studie ‚Fachkräftemangel kurzfristig noch nicht in Sicht‘.

Eine Fehleinschätzung? Fast scheint es so, denn Mitte vergangenen Jahres veröffentlichte das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos seine Studie ‚Arbeitslandschaft 2040‘. Ihr zufolge fehlen deutschen Unternehmen im Jahr 2030 etwa drei Millionen Arbeitskräfte – und das nicht allein in den MINT-Disziplinen der Industrie, sondern vor allem im Gesundheitswesen und im Pflegebereich. Der Hauptgrund dafür ist die demografische Entwicklung. Mit jährlich immer weniger Facharbeitern und Studienabsolventen lassen sich die personellen Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht im Geringsten abdecken.

Die Fatalisten unter uns würden jetzt vielleicht sagen, das sei nicht weiter wild, denn schon Jahre später könnte sich die Menschheit ohnehin selbst ausgelöscht haben – nämlich wenn Entwicklungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI) in die falsche Richtung laufen. KI könnte sich durchaus verselbständigen, eigenmächtig weiterentwickeln und in Form von autonomen Waffen manifestieren, die sich selbst steuern und die durch Menschen kaum noch zu kontrollieren sind. Solche Befürchtungen hegen eine Reihe renommierter Wissenschaftler und Forscher, allen voran der Astrophysiker Stephen Hawking. Auch zahlreiche Unternehmer, darunter der umtriebige Milliardär und Investor Elon Musk, der selbst an zwei Gesellschaften zur Erforschung künstlicher Intelligenz beteiligt ist, sehen KI nicht nur als Segen.

Autonome Waffen, die in den Händen von Diktatoren, Terroristen, Reaktionären, religiösen Eiferern, Warlords und anderen Durchgeknallten unsere Welt in Schutt und Asche legen? Als aufgeklärter und humanistisch gebildeter Mensch möchte man sich das freilich nicht vorstellen. Doch mit Blick auf den Zusammenhang von Industrie 4.0 und KI muss man schon fragen: Über welche Arbeitsbereiche werden wir in absehbarer Zeit superintelligenten Maschinen die Kontrolle übertragen, damit sie Probleme lösen, Entscheidungen treffen und menschliche Arbeitskräfte obsolet machen? Aber das ist freilich alles Fiktion. Noch.

Kolumne von Michael Lind
Bild: Michael Lind


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