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Kolumne von Michael Lind

Heulen und Zähneklappern

Vor Jahresfrist noch sah die Mehrheit der deutschen Unternehmer neuen Umsatzrekorden entgegen oder erwartete zumindest positive Geschäftsverläufe auf hohem Niveau. Doch nun ist er scheinbar da, der Konjunktureinbruch. Nur – wie und in welchen Branchen zeigt er sich?

Michael Lind schreibt seit fast 30 Jahren für und über die nationale und internationale Roboter- und Automatisierungsbranche. Er war knapp zwei Jahrzehnte lang Chefredakteur (später auch Herausgeber) einer Fachzeitschrift zu diesen Themen. (Bild: Michael Lind)

Die einheimische Automobilindustrie galt Jahrzehntelang als Innovationstreiber, als Schlüssel- und Vorzeigeindustrie, als Konjunkturmotor der deutschen Wirtschaft. Doch nach dem immer noch nicht ausgestandenen Abgasskandal und demonstrativen Nichtstun in Sachen alternativer Antriebskonzepte dürften an derartigen Prädikaten Zweifel angebracht sein. Dessen ungeachtet gilt nach wie vor die Binsenweisheit: Wenn die Automobilindustrie hustet, kriegen ihre Zulieferer eine Lungenentzündung. Und die Automobilbauer husten aktuell weltweit.

In China beispielsweise, dem weltgrößten Automobilmarkt, ist 2018 die Pkw-Produktion zum ersten Mal seit 20 Jahren gesunken, weil die Nachfrage zurückgeht; zumindest nach Fahrzeugen mit traditionellen Verbrennungsmotoren. Im Gegensatz dazu verkauften sich E-Mobile wie geschnitten Brot. Das allerdings hat irgendwie Kalkül. Die chinesische Regierung bekämpft Luftverschmutzung durch Verbrennungsmotoren mit teilweise recht rigiden Mitteln und fördert zugleich großzügig mit staatlichen Programmen den Kauf von Elektro- und Hybridautos. Und das funktioniert!

Dennoch konnten die Automobilkonzerne BMW, Daimler und Volkswagen im vergangenen Jahr ihren gemeinsamen Marktanteil in China um zwei Prozent auf 24 Prozent steigern. In den USA gingen die Verkaufszahlen von Pkw und sogenannten Light Vehicles nach sieben Boom-Jahren erstmals 2017 leicht zurück, wogegen jene der Light Trucks einen neuen Höchststand erreichten. In diesem Segment sind deutsche Automobilhersteller mit einem Marktanteil von 40 Prozent nahezu hervorragend aufgestellt.

In den heimischen Gefilden feierte die Automobilindustrie 2017 einen neuen Rekordab- und -umsatz, bei dem Pkw mit Benzinmotoren mit knapp 60 Prozent am stärksten gefragt waren. Wen wundert’s nach Dieselgate? Zwar zeigte im letzten Jahr das Konjunkturbarometer nach unten, es sieht aber so aus, dass die Pkw-Verkaufszahlen im Inland nur marginal unter denen von 2017 liegen – wenn überhaupt. Die Branche könnte wunderbar auf hohem Niveau wehklagen und es sich weiterhin in ihrer Komfortzone der (hochgehubraumten) Verbrennungsmotoren bequem machen, gäbe es da nicht die jüngst vom EU-Parlament beschlossene CO2-Grenzwertregelung. Sie treibt die deutschen Automobilbauer geradezu, sich wieder mit dem widerlichen Thema der alternativen Antriebsformen zu beschäftigen. Dabei hatte man doch genau das jahrelang standhaft ausgesessen – argumentativ assistiert vom jeweils amtierenden Auto-Cheflobbyisten, pardon, Verkehrsminister – und alle diesbezüglichen Projekte gekippt. Und wenn man ganz genau hinhört, dann ist genau darüber das Heulen und Zähneklappern in den Vorstandsetagen in Stuttgart, München, Ingolstadt und Wolfsburg tatsächlich deutlich vernehmbar. Sie müssen liefern. Aber wie?

Und die Zulieferer? Im Werkzeugmaschinenbau zumindest diagnostiziert man wohl noch keine Lungenentzündung, trotz eines leicht rückläufigen Auftragseingangs im ersten Quartal dieses Jahres. Nach den Worten des VDW-Vorsitzenden Dr. Heinz-Jürgen Prokop erwartet „die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie ausgehend von Rekordniveau einen weiteren Produktionszuwachs von zwei Prozent auf 17,4Mrd.?“ in 2019. Mag das – gemessen an den beiden Vorjahren mit einem Plus von jeweils sieben Prozent – auch sehr moderat sein, so könnte der letztjährige Umsatzrekord von etwa 23,4Mrd.? heuer erneut getoppt werden.

Auch in der deutschen Roboter- und Automatisierungsindustrie merkt man vom Konjunktureinbruch relativ wenig. Alles in allem setzte die Branche im vergangenen Jahr 15Mrd.? um; nach dem Hype von 2017 offenbar zu wenig für manche Beteiligten. Diese sollte man vielleicht daran erinnern, dass es kein grenzenloses Wachstum gibt. Der sogenannte Schweinezyklus gilt nach wie vor.

Gut, die Installationszahlen im Bereich Roboter sind leicht rückläufig, was Analysten vor allem dem Geschäftsverlauf in der chinesischen Automobilindustrie anlasten. Die industrielle Bildverarbeitung hat eine Null-Nummer abgeliefert. Dagegen florierte das Geschäft im Bereich Integrated Assembly Solutions mit einem neuerlichen Umsatzplus von neun Prozent. Bravourös. Und? Wo ist jetzt eigentlich der Konjunktureinbruch? (mli)

Kolumne von Michael Lind
Bild: Michael Lind


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